Preisträger 2013 - Dr. Walter Weibel mit Prof. Andreas Wagner (Foto Christoph Knoch)

 

„In Begegnung lernen": Ein Beitrag zum jüdisch-christliche Dialog in der Erziehung

Dr. Walter Weibel: Referat anlässlich der Preisverleihung der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft Bern vom 30. Mai im Jüdischen Gemeindehaus Bern

Sehr geehrte Damen und Herren

Sie können kaum erahnen, wie mich dieser Augenblick bewegt, heute Abend vor Ihnen zu stehen. Hier in diesem Haus, wo ich seit gut einem Jahr als Mitglied der Jüdisch/römisch-katholischen Gesprächskommission der Schweizer Bischofskonferenz und des Schweizerischen Israeltischen Gemeindebundes an den Sitzungen teilnehme. Ich darf den Pries, Ihren Preis, für meine zweite Dissertation entgegennehmen. Dafür möchte ich Ihnen von ganzem Herzen danken. Ihr Preis ist für mich eine ganz grosse Ehre, aber auch für die Theologische Fakultät der Universität Luzern, die im letzten Herbst auf Antrag von Frau Prof. Dr. Verena Lenzen die Dissertation angenommen hatte.

1. Wie kam ich zu diesem Thema?

Ich wuchs im Luzerner Städtchen Willisau auf, wo ein jüdischer Tuchhändler lebte, der uns oft über seinen jüdischen Glauben berichtete. Im Gymnasium hatte ich einen Religionslehrer, der uns schon in den ersten Gymnasialjahren die Weltreligionen näherbrachte und mit uns Vierzehnjährigen „Andorra" im Schauspielhaus Zürich besuchte. Kurz vor der Matura nahm ich in Berlin an einem Sommerlager der christlich-jüdischen Arbeitsgemeinschaft teil. Wir leisteten Aufbauarbeit im kriegszerstörten Berlin und hatten jeden Tag Begegnungen mit jüdischen Menschen, die den Holocaust überlebt hatten. Später – als ich die Luzerner Lehrerfortbildung leitete – gestaltete ich zusammen mit dem Alttestamentler Dr. Walter Bühlmann Kurse und Seminare zur jüdischen Religion und Kultur. Ich entdeckte zudem, dass im Fach Schweizer Geschichte nichts oder wenig über die Geschichte der Schweizer Juden vermittelt wurde. Im Laufe meines Theologiestudiums wurde Judaistik immer mehr eines meiner Schwerpunktfächer. Als ich feststellte, dass im neuen Lehrplan 21 der Deutschschweizer Kantone für die Volksschule das Verhältnis Judentum – Christentum kaum Platz haben wird, entstand die Idee, sich mit den Lehrplänen auseinanderzusetzen und in einer umfassenden Textanalyse der 21 Deutschschweizer Lehrpläne die Defizite und Mängel der Stoffvermittlung herauszufiltern. Bald wurde mir klar, dass der jüdisch-christliche Dialog nicht nur ein Thema für den Religionsunterricht ist, sondern dass er im schulischen Unterricht in weiteren Fachbereichen berücksichtigt werden muss, wie in Geschichte, Literatur, Kulturvermittlung, Musik. Referat weiterlesen